Google macht Youtube zum Shopping-Kanal – und greift Amazon an

Google baut durch die Partnerschaft mit dem Softwareanbieter Shopify sein E-Commerce-Geschäft aus und greift damit Amazon an seiner verwundbarsten Stelle an.

19.07.2022 – 15:27 Uhr | Florian Kolf | Handelsblatt

Düsseldorf Seit Kurzem können Influencer und Markenhersteller ihre Produkte auch in Live-Videos auf Youtube verkaufen. Die Kunden können direkt Rückfragen stellen, das Angebot kommentieren und untereinander diskutieren. Doch für den tatsächlichen Kauf muss der Kunde bislang immer noch die Plattform verlassen und in den Shop des Händlers wechseln.

Das wird sich jetzt ändern: Eine Kooperation mit dem Softwareanbieter Shopify macht es möglich, mit einem Klick auf das Video die Produkte direkt zu kaufen.

Was auf den ersten Blick wie ein Detail wirkt, ist für die Youtube-Mutter Google der nächste wichtige Schritt in ihrem Angriff auf Amazon im E-Commerce. Durch die Verlinkung mit Shopify wird die Tochter Youtube zum direkten Shoppingkanal.

Mit dem neuen Bündnis finden zwei Unternehmen mit mächtiger Reichweite zusammen. „Wir haben wahnsinnig viele Kunden, die sich mit dem Thema Live Shopping beschäftigen. Youtube ist mit zwei Milliarden monatlichen Nutzern da eine ganz wichtige Plattform“, sagt Birk Angermann, bei Shopify verantwortlich für die Entwicklung von Lösungen für Händler, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Youtube wiederum erschließt sich eine große Kundenbasis. Im vergangenen Jahr haben Händler über Shopify bereits einen Umsatz von 175 Milliarden US-Dollar abgewickelt. Das entspricht fast der Hälfte des Volumens von Amazon Marketplace.

Amazon hat einen blinden Fleck beim Social Commerce

Noch ist Amazon im E-Commerce der Maßstab für alle Konkurrenten. In den USA hat die Plattform mehr als 40 Prozent Marktanteil im Onlinehandel, in Deutschland sind die Verhältnisse ähnlich.

Doch im immer wichtiger werdenden Verkauf über soziale Netzwerke hat Amazon bisher einen blinden Fleck. Weder bietet Amazon die Möglichkeit, auf der Plattform über Videos Produkte zu verkaufen, noch ermöglicht Amazon Dritthändlern die direkte Einbindung von Instagram, Facebook und Co. Das wollen Shopify und Google jetzt ausnutzen.

„Da tun sich zwei sehr starke Player zusammen“, sagt Andreas Hell, E-Commerce-Experte der Digitalberatung diconium. „Google hat verstanden, wie man E-Commerce spielen muss, und geht jetzt die richtigen Schritte“, sagt Hell.

Auch seine zentrale Suchmaschinenplattform verknüpft Google immer mehr mit dem Onlinehandel. Bereits eingeführt hat das Unternehmen die Funktion „Google Shopping Actions“. Dabei hat der Kunde einen Warenkorb direkt auf Google, der Suchmaschinenanbieter bündelt die Verkäufe für mehrere Händler und wickelt den gesamten Verkaufsprozess für sie ab.

Als Nächstes soll unter anderem eine Erweiterung der Google-Suche kommen, die sich „Checkout on Merchants“ nennt. Dieser Dienst soll es Kunden ermöglichen, auf ein gewünschtes Produkt zu klicken und es direkt in den Warenkorb auf der Seite des Anbieters zu legen. Einer der ersten Partner neben Walmart für diese neue Checkout-Funktion wird auch hier Shopify sein.

Bestellungen über Social-Media-Kanäle vervierfacht

Für Google bietet die Kooperation mit Shopify ein großes Potenzial. „Die Shopify-Stores zusammengerechnet machen nicht nur bereits 45 Prozent des Umsatzes des Amazon-Marktplatzes, sie wachsen auch deutlich schneller“, beobachtet E-Commerce-Experte Hell. Oder wie es Shopify-Gründer Tobi Lütke einmal gesagt hat: „Amazon versucht, ein Imperium zu gründen, und wir versuchen, die Rebellen zu bewaffnen.“

Shopify bietet eine Softwareplattform, über die Händler und Markenhersteller nicht nur ihren Webshop betreiben, sondern über Schnittstellen zugleich alle anderen Kanäle integrieren können, vom stationären Laden über den Onlinemarktplatz bis zum Verkauf auf Social Media. „Unser Anspruch ist es, die Integration so einfach zu machen, dass all das auch Unternehmen nutzen können, die keine riesige Entwicklermannschaft haben“, sagt Shopify-Manager Angermann.

„Shopify hat eine sehr gute und flexible Software-Architektur“, erklärt Experte Hell. „Mit den Anbindungen an die Social-Media-Plattformen spielen sie ihre Stärken voll aus.“ Das scheint sich bereits auszuzahlen: Laut Shopify-Daten haben sich die Bestellungen über Social-Commerce-Partnerkanäle im ersten Quartal 2022 im Vergleich zum Vorjahresquartal vervierfacht.

„In vielen Bereichen ist Amazon sicher Benchmark, aber wir haben auch Bereiche, in denen wir uns bewusst unterscheiden“, betont Shopify-Manager Angermann. „Es ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil für uns, dass wir den Händlern die Flexibilität geben, mit einer Shop-Software über alle Kanäle verkaufen zu können.“

Tiktok-Mutter Bytedance macht schon Milliarden in China

So war Shopify der Erste, der über eine Kooperation in den USA und in Europa das aufstrebende Netzwerk Tiktok als Verkaufskanal für Händler erschlossen hat. Immer mehr Markenhersteller wie etwa Fielmann, Volkswagen, Sennheiser oder Lindt haben mittlerweile eigene Shops auf Tiktok.

In einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Kantar haben 83 Prozent der Befragten angegeben, dass sie durch Videos auf Tiktok zu einem Verkauf angeregt wurden. Nun können Händler und Hersteller diese Kunden noch unmittelbarer erreichen, indem sie einen Verkaufsbutton direkt in die Tiktok-Videos einbinden.

Vorbild ist dabei der Markt in China, dem Heimatland von Tiktok. Dort wickelt Douyin, die chinesische Schwester von Tiktok, bereits einen E-Commerce-Umsatz von umgerechnet mehr als 65 Milliarden Euro pro Jahr über ihre Plattform ab. Nun schickt sich die Muttergesellschaft Bytedance an, diesen Erfolg mit Tiktok auch auf Europa und die USA zu übertragen.

Darauf will sich Youtube mithilfe von Shopify vorbereiten. Neben der Möglichkeit, Links im Video zu platzieren, wird den Youtube-Shops der Händler eine ganz neue Rubrik hinzugefügt, der Shop-Tab. Dort kann er seine komplette Produktauswahl zeigen. Außerdem kann der Händler eine ausgewählte Liste von Produkten unter den Videos anhängen.

Zum Start dabei ist in Deutschland beispielsweise die Youtuberin Bodykiss, die auf Youtube 654.000 Abonnenten hat und in ihrem Shop Sportkleidung und Fitness-Artikel verkauft. „Eine Live-Shopping-Funktion, die meinen Shopify-Store mit meinen Youtube-Kanälen reibungslos und unkompliziert verbindet, wird das Erlebnis für meine Community definitiv verbessern“, sagt die Influencerin. Von Anfang an dabei ist auch der Fanartikelshop von Manchester United mit 1,37 Millionen Followern auf Youtube.

Großes Potenzial für Netflix und Amazon Prime

Wie schnell die Entwicklung gerade bei Social Commerce ist, ist auch Shopify-Manager Angermann bewusst. „Man weiß ja gar nicht, was als Nächstes kommt“, sagt er. Vor wenigen Jahren habe es noch kein Tiktok gegeben, und jetzt habe Tiktok allein in Europa 100 Millionen aktive Nutzer. „Wir müssen immer schauen, wohin sich der Markt bewegt, und dann den Marken und Händlern die richtigen Werkzeuge in die Hand geben, um die Chancen zu nutzen.“

Für den E-Commerce-Experten Hell könnte der nächste Schritt die Einbindung der Streamingdienste in den Onlinehandel sein. „Spannend wird sein, wie jetzt Netflix reagiert“, sagt er. „Sie suchen ja nach neuen Einnahmen, und hier böten sich gute Möglichkeiten.“

Der Streamingdienst Amazon Prime hätte dafür nicht nur den eigenen Marktplatz, sondern auch die technischen Voraussetzungen. So gibt es dort bereits die Funktion X-Ray, mit der sich die Zuschauer bei ausgewählten Filmen Zusatzinformationen beispielsweise zu den Schauspielern oder der verwendeten Musik einspielen können.

Dies könnte Amazon nutzen, um direkte Links zu Shops in die Ausstrahlung einzubinden. Doch noch überlässt der E-Commerce-Riese diesen Milliardenmarkt der Konkurrenz.

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